Editorial

Übersetzter Titel

by Fabienne Eggelhöfer, Toni Hildebrandt and Marie Kakinuma

Open-Access License: CC BY-SA
Keywords: Angelus Novus

Als „Engel der Geschichte“ wurde Paul Klee Angelus Novus (1920) in Walter Benjamins Thesen Über der Begriff der Geschichte (1940) zur Ikone des Messianismus. Nachdem Benjamin die Zeichnung 1921 in München erwarb, entwarf er zunächst eine neue Zeitschrift, die nach dem Bild den Titel „Angelus Novus“ tragen sollte. „Die wahre Bestimmung einer Zeitschrift“, schrieb Benjamin in der Ankündigung dieses Projektes, „ist, den Geist ihrer Epoche zu bekunden […] unerbittlich im Denken, unbeirrbar im Sagen und unter gänzlicher Nichtachtung des Publikums, wenn es sein muss, sich an dasjenige zu halten, was als wahrhaft Aktuelles unter der unfruchtbaren Oberfläche jenes Neuen oder Neuesten sich gestaltet.“

Die 19. Nummer der Zwitscher-Maschine ist zwar keine Neugründung, aber mit einer Sondernummer um den „Angelus Novus“ präsentieren wir das Journal of Klee Studies in neuer Gestaltung, die wir der Zusammenarbeit mit dem Design-Team Kaj Lehmann & Dorothee Dähler verdanken. Ein neues Advisory Board unterstützt die Zwitscher-Maschine und die Archivierung liegt in Zukunft bei arthistoricum an der Universität Heidelberg. Die Herausgabe bleibt beim Zentrum Paul Klee, namentlich bei Fabienne Eggelhöfer, Toni Hildebrandt und Marie Kakinuma.

Seit einigen Jahren steht die Auseinandersetzung mit dem Angelus Novus vor einer verblüffend neuen Situation: 2015 entdeckte die amerikanische Künstlerin R.H. Quaytman, dass sich unter dem von Klee gemalten Engel ein Druck des Luther-Portraits nach Cranach (in einer Kopie des 19. Jahrhunderts) befindet. Die Montage des Engels der Geschichte über dem Reformator wirft viele Fragen auf. Die kunsthistorische Literatur hat darauf in jüngster Zeit verschiedentlich geantwortet. Annie Bourneuf widmete der Entdeckung mit ihrem Buch Behind the Angel of History. The Angelus Novus and Its Interleaf (2022) eine ganze Studie, der sie in unserer Ausgabe nun neue Einsichten hinzufügt.

Eine weitere Wegmarke der Rezeption war Neville Rowleys Ausstellung Der Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Paul Klee und die Berliner Engel 80 Jahre nach Kriegsende, vom 8. Mai 2025 bis 13. Juli 2025 im Bode-Museum in Berlin, in der Klees Angelus Novus in einer Konstellation mit Engeln von der Renaissanceskulptur über einen verbrannten und nur fotografisch reproduzierten Caravaggio bis zu Wim Wenders Himmel über Berlin in den Blick kamen. Für diese Ausstellung entstanden eine Reihe neuer Texte, u.a. von Giorgio Agamben, Peter-Klaus Schuster, Sefy Hendler und Mordechai Omer Zalmona, die bislang nicht publiziert werden konnten und nun erstmals in der Zwitscher-Maschine erscheinen.

Die Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan hatte ein grosses Interesse für Paul Klee. In Kürze werden ihre Gespräche über Klee erscheinen und der Angelus Novus war das Bild, das sie am meisten faszinierte und dem sie die Kurzgeschichte Der Herr der Finsternis widmete. Wir reproduzieren für unsere Ausgabe einen wenig bekannten, poetischen Text Adnans, Angels, more Angels, der zuerst 2018 im Katalog für Adnans Ausstellung im Zentrum Paul Klee erschien, sowie ein Poèmes pour les enfants menacés von Georges Didi-Huberman, das die von ihm kuratierte Zeichnungswand (bis 17.1.2027) in der Kosmos Klee Dauerausstellung im Zentrum Paul Klee essayistisch begleitet und Klees politische Zeichnungen um 1933 in Nähe zu Brechts Kriegsfibel rückt.

Marie Kakinuma rekonstruiert die Provenienzen zweier Werke Paul Klees aus dem Jahr 1927 und geht auf die bedeutende Rolle der Galerie Rosengart für die Provenienzforschung ein. Der Beitrag ist zugleich eine Hommage an Angela Rosengarts (1932–2026) langjähriges Engagement für Klee. Toni Hildebrandt erinnert in seinem Beitrag an den parallelen Lebensweg des Schriftstellers und Filmemachers Alexander Kluge (1932–2026), für den Klees Radierung Stachel der Clown ein komisches Pendant zum tragischen Messianismus des Angelus Novus darstellte.

Der Relaunch der Zwitscher-Maschine wäre nicht ohne die grosszügige Förderung von Rita Klee möglich gewesen. Unser Dank gilt auch Simone Fattal, Hanna Mittelstädt (Verlag Nautilus), den Autorinnen und Autoren sowie unserem Gastredakteur Neville Rowley für die Unterstützung und Mitarbeit bei dieser Ausgabe. Dank Kaj Lehmann und Dorothee Dähler freuen wir uns die Zwitscher-Maschine. Journal of Klee Studies in einem neuen Erscheinungsbild präsentieren zu können, das, wie wir hoffen, in Zukunft neue viele Möglichkeiten eröffnen wird, Klees Werk zu entdecken und zu erkunden.

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